Donnerstag, 13. April 2017

Reisebuchung: Immer wieder sonntags

Immer wieder sonntags wird es günstig. Das Internet verändert die Kultur der Reisebuchung. Und wer Bescheid weiß, spart.


Steigende Preise gehören eigentlich zu einer gesunden Wirtschaft, doch seit einiger Zeit schon wirkt das Internet kostendämpfend auch bei Urlaubsangeboten. Nicht nur die Krisen ringsum sorgen für Angebote auf dem Niveau von Notverkäufen, sondern auch die größeren Vergleichsmöglichkeiten, die Urlauber haben. Ein Trend, der nach einer neue Studie anhalten wird, die unter anderem im Auftrag des Internet-Reiseriesen Expedia angefertigt wurde. „Neue Höhen für Flugreisen“ wagt eine Prognose der Entwicklung der Flugpreise in diesem Jahr. Und kommt zum Schluss, dass Flugtickets eher billiger als teuer zu werden versprechen.

Und das, obwohl Reisende heute durchschnittlich schon weniger für einen Sitz in der Economy-Klasse zahlen müssen als 2014. In Europa sanken die Preise seitdem um durchschnittlich vier Prozent, global aber ist das noch wenig: Südamerikaner etwa sparen bei Flügen nach Südostasien im Moment im Durchschnitt sogar ein Drittel des Preises, den sie noch vor zwei Jahren bezahlen mussten.

Ganz so viel können Frühbucher nicht herausholen, aber die Studie bestätigt, dass der Januar der beste Monat ist, um günstig zu buchen. Dies betrifft vor allem Ziele innerhalb Europas, in Südamerika und Asien. Eine Ausnahme machen die USA: Hier ist der September der günstigste Buchungsmonat.

Für alle, die es früher im Jahr in die USA zieht, empfiehlt sich nach Ansicht der Experten allerdings auch der Januar, um billiger zu fliegen. Der Sonntag ist dabei im Schnitt betrachtet der beste Tag, Flüge und Hotels zu buchen. Besonders empfehlenswert sei der Sonntag für alle, die in Europas reisen: Der durchschnittliche Ticketpreis ist an diesem Tag gut 30 Prozent niedriger als an den anderen Tagen.


Viel hängt auch davon ab, wie weit im Voraus man seine Ferien genau planen und damit buchen kann. Viel ist gut, zu viel nicht: Bei einer Reise innerhalb Europas legt Expedia nahe, mindestens 85 Tage vor Abflug zu buchen. Das spare bis zu 30 Prozent. Plant man hingegen, von Europa in die USA zu fliegen, seien 180 Tage zu empfehlen. Solche Vorausschau könne dann sogar zu einer Ersparnis von bis zu 34 Prozent führen.

Sonntag, 9. April 2017

Heiko Maas gegen den Hass: Internet unter Aufsicht


Nicht mehr nur strafbare, sondern auch rechtswidrige Inhalte möchte Bundesjustizminister Heiko Maas künftig aus dem Internet heraushalten. Was aber ist eigentlich der Unterschied? Abgesehen davon, dass das eine bestraft wird und das andere im deutschen Verwaltungsrecht nicht nur straffrei bleibt, sondern sogar Bestandskraft erlangen kann?

Das ist schnell erklärt. Neulich etwa hätte die deutsche Medienaufsicht einer sportbegeisterten Bank beinahe verboten, die Handball-WM im Internet zu übertragen. Eigentlich wäre das nämlich Rundfunk und der braucht in Deutschland immer eine Lizenz. Besaß die Bank nicht. Hat auch der Youtube-Star Piet Smiet nicht, der im Netz Videos sendet, in denen er sich durch Computerspiele kämpft. Die Kommission für Zulassung und Aufsicht der Landesmedienanstalten droht ihm deshalb nun damit, seinen Kanal zu schließen.

Der ist, so einfach ist das, zwar nicht strafbar, aber rechtswidrig.

Mittwoch, 5. April 2017

Wir Sklaven des Belohnungszentrums

Schön und schlau soll der digitale Zwilling sein - vor allem Männer riskieren dafür viel. Von wegen sozial! Beeindrucken, begeistern und von sich selbst überzeugen, das ist es, was Internetnutzer in sozialen Netzwerken wirklich wollen. 

Schön und schlau soll er sein, der digitale Zwilling, weitgereist, empfindsam und sympathisch rüberkommen. Denn wichtigstes Ziel, das zeigt jetzt eine Studie im Auftrag des russischen Antiviren-Spezialisten Kaspersky Lab, ist es, viele Like-Klicks zu sammeln.

Dabei stellen viele Nutzer ihr Leben häufig aufregender dar als es ist. Vor allem Männer agieren offener und geben mehr von sich preis als Frauen. So würden in Deutschland 5,6 Prozent der Männer, aber nur 3,2 Prozent der Frauen vertrauliche Informationen über Kollegen im Netz öffentlich machen, um zu punkten. Peinliche Details über Freunde würden 6,6 Prozent der Männer verraten, aber nur 2,4 Prozent der Frauen.

Dass Männer eher bereit sind, Grenzen zu überschreiten, erklärt die Medienpsychologin Astrid Carolus damit, dass „Männer weniger auf soziale Harmonie fokussiert sind und höhere Risiken eingehen“. Dabei schonen sie auch ihre eigene Privatsphäre nicht. So gaben 14,2 Prozent der befragten Männer in Deutschland an, sie würden auch Fotos posten, auf denen sie nur leicht oder sogar gar nicht bekleidet sind. Bei den Frauen sind dazu laut Umfrage nur sechs Prozent bereit.

Enthemmung, die um Aufmerksamkeit buhlt. „Auf der Suche nach sozialer Akzeptanz werden die Grenzen des Privaten weit gedehnt“, glaubt Holger Suhl von Kaspersky Lab. Nutzer setzten sich und andere damit Risiken aus, die im Ernstfall zu gestörten Beziehungen im richtigen Leben führen können. In Deutschland wollen 42,6 Prozent aller Befragten nicht, dass Freunde Fotos von ihnen veröffentlichen.

„Wir sollten daher mehr darauf achten, welche Informationen über soziale Netzwerke geteilt werden“, empfiehlt Sicherheitsexperte Suhl. Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt sind deutsche Nutzer hier aber schon ein Stück sicherheitsbewusster. Nur 7,1 Prozent (weltweit zwölf Prozent) würden für mehr Likes beim Posten die Wahrheit verdrehen. Auch hier sind mehr Männer (8,4 Prozent) als Frauen (5,8 Prozent) dazu bereit.

Der Unterschied liegt nach der Studie namens „Have we created unsocial media?“ darin, dass Männer in sozialen Netzwerken stärker nach Anerkennung suchen. So sind in Deutschland 16 Prozent der männlichen, aber nur 11,8 Prozent der weiblichen Nutzer der Meinung, dass mit fehlenden Likes auch ihr Ansehen bei Freunden abnimmt. Beide Geschlechter sind etwa gleich stark beunruhigt (etwa 17 Prozent), wenn nahestehende Menschen keine Reaktionen auf ihre Posts zeigen.

Montag, 27. März 2017

Stefan Diestelmann: Blues-Gott mit Gitarre



Immer noch beeindruckend, welche Präsenz dieser Mann selbst auf dieser seiner letzten Bühne gehabt hat, die nur ein kleines Boot auf dem Ammersee in Bayern war. Stefan Diestelmann spielte noch einmal sein ganzes Leben - und nicht nur den Blues. Den aber konnte er besonders gut - heute vor zehn Jahren ist der erfolgreichste und wichtigste Bluesmusiker der DDR.

Die genauen Umstände sind immer noch unbekannt, vermutlich werden sie auch nie offenbar werden, weil die einzigen Freunde, die der Gottkönig des DDR-Blues am Ende seines bewegten Lebens noch hatte, auf seine Bitten hin schweigen.

Fast wäre sogar der Tod des Ost-West-Wanderers unbekannt geblieben, weil der gebürtige Bayer Diestelmann es vorzog, nach seiner Rückkehr in die alte Heimat und dem künstlerischen Scheitern dort langsam und dann immer schneller aus der Öffentlichkeit und den Konzertsälen zu verschwinden.

Diestelmann, ein Leben lang ein begnadeter Geschichtenerzähler, der jede seiner verrückten Storys auch selbst zu glauben schien, pflegte den Nimbus des Total-Aussteigers. Kein Blues mehr, kein Applaus und keinerlei Kontakte. „Er hat sich der Familie entzogen", erinnert sich sein Onkel Jürgen Diestelmann. Wenn Touristen aus dem Osten ihn erkennen und fragen, warum er denn nicht mehr spiele, lässt er sie wissen, dass die Musik ihm zu wichtig sei, "dass ich sie als Broterwerb betreiben will". Aus dem wichtigsten Blues-Mann der DDR wird ein Freizeitkapitän, der sein Boot über den Ammersee steuert und behauptet, die Musik gar nicht zu vermissen.

Dabei war er für die wie geschaffen. Zu Hause geschlagen von einem Vater, der ein Leben lang wütend auf seine eigene Entscheidung war, zugunsten der Karriere von West nach Ost zu ziehen und in der Schule als Wessi gemobbt, flüchtete Stefan Diestelmann früh in den Blues. "Es war der Rhythmus im Blues, der mich angemacht hat", sagt er später, "das Primitive, in dem alles steckt."

Mit der Gitarre ist er wer, wenn er singt, empfängt er Bewunderung. Es ist dies das Hochgefühl, dem Stefan Diestelmann nun stets nachjagen wird: im Mittelpunkt stehen, der sein, zu dem alle aufschauen. Er wird tatsächlich zum Star, er verdient viel Geld, er wird gefeiert und mit Preisen bedacht. Er bekommt einen Berufsausweis, obwohl er nie eine musikalische Ausbildung genossen hat, sondern stattdessen - zumindest nach eigenen Angaben - nach einem Fluchtversuch in der Besserungsanstalt landet.

Der Blues allein reicht ihm bald nicht mehr, sich in andere Welten zu versetzen. Stefan Diestelmann will es größer. Alexander Blume, sein Pianist, sieht ihn damals "immer bereit, zu übertreiben". So wird der Autodidakt zum Superstar in seiner eigenen Realität. Er spielt wirklich Konzerte mit Weltstars wie Phil Everly und mit Harmonica Phil Wiggins, aber es reicht nicht. Er  will in den USA mit BB King auftreten. Den Blues zurückbringen,. dorthin, wo er herkommt.

1984 nutzt Diestelmann einen Auftritt im Westen, um der DDR den Rücken zu kehren. Drüben taucht der König des Blues ab. Er dreht jetzt Werbefilme für Hotels und behauptet, sehr glücklich zu sein. Er ist immer noch ein großer Geschichtenerzähler, ein Mann, der abendliche Runden ganz allein unterhalten kann. Er spricht viel von früher. Er macht Witze. Er macht keine Musik mehr.

Er starb dann, wie er am Ende lebte: Umgeben von zwei, drei Menschen, zu denen er noch Kontakt hatte. Und vergessen von den Hunderttausenden, die einst seine Platte "Hofmusik" gekauft hatten.



Freitag, 24. März 2017

Hochwasser: Jemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen

So ähnlich wird die neue Mauer aussehen, die ab 2018 den Gimritzer Damm flankiert. 
Nach dem Hochwasser vom Sommer 2013 kam der Streit darum, wie es weitergehen soll. Dammbau hier oder dort, eine neue Eissporthalle oder die alte, alle Wege im Naturschutzgebiet asphaltieren oder doch nur ein paar? So schnell das Rathaus am Anfang vorgeprescht war, um gemeinsam mit bewährten Partnern vollendete Tatsachen zu schaffen, so zäh wurde die Geschichte schließlich vor Gericht.

Erst nach dreieinhalb Jahren wird nun langsam deutlich, wohin die Reise geht: Es wird kein neuer Damm gebaut, nicht an neuer Stelle wie ursprünglich vom Oberbürgermeister angestrebt, und nicht an alter, wie immer schon von der Verwaltung abgelehnt. Stattdessen entsteht ab 2018 neben dem alten Deich eine sogenannte Spundwand, wie sie heute schon in der Nähe von Barby an der Elbe zu bewundern ist (Bild oben).

Der Landesbetrieb für Hochwasserschutz hat die Absicht, eine 1.240 Meter lange Mauer zu bauen, immer entlang des alten Dammes - und höher als dessen Krone heute.

Benutzt werden für eine solche „tragende und dichtende Wand auf einer aufgelösten Bohrpfahlgründung“, wie es offiziell heißt, in der Regel Spundwandsegmente aus Stahl, die mehrere Meter tief in die Erde reichen. Nach oben überragt die künftige Stahlmauer zwischen Neustadt und der Peißnitz nach Fertigstellung jeden Menschen, sie zerschneidet die Verbindung zwischen Neustadt und Altstadt, sie verleiht der Naturidylle am Rande der Peißnitzinsel die Atmosphäre einer Industriebrache.

Sprayer werden sich freuen, Spaziergänger erschüttert sein. Für das Bauwerk weichen muss der komplette Bewuchs auf der Saaleseite des Dammes vom Sandanger bis zur Heideallee, geschätzte 500 Bäume, teilweise 30 bis 50 Jahre alt.

An ihrer Stelle wächst ein Stahlriegel im Vorfeld des Dammes, der in Zukunft  als "unüberwindliche Barriere für Tiere und Baumwurzeln" (Eigenwerbung) wirkt.

Sonntag, 5. März 2017

Zwei Jahre lang im Dschun­gel­camp

Der amerikanische Bestsellerautor T.C. Boyle lässt seine "Terranauten" scheitern.

Ein Käfig voller Narren, die sich im Namen der Wissenschaft für zwei Jahre einsperren lassen. Vier Frauen, vier Männer. So war es damals wirklich, Anfang der 90er Jahre, als das "Biosphere"-Projekt ausloten wollte, ob und wie eine kleine Gemeinschaft von Menschen in einem geschlossenen Wirtschaftskreislauf existieren kann.

T.C. Boyle hat aus Motiven der wahren Geschichte um den Garten Eden in der Wüste von Nevada den Roman "Terranauten" gestrickt - einen über 600 Seiten wuchernden Hybriden aus Kammerspiel, Wissenschaftsthriller und Psychokrimi. Es hängt was in der immer wieder aufbereiteten Luft, die die beiden Erzähler Dawn und Ramsay drinnen atmen, während die ausgebootete Linda von draußen eifersüchtig durch die Glasfenster zuschaut.

Wie die echte Biosphäre, die nach einem Jahr nur noch überleben konnte, weil Sauerstoff von außen zugeführt wurde, kämpft auch die literarische Neuauflage mit technischen wie menschlichen Problemen. So sehr sich zumindest einige Akteure auch schwören, in der Kuppel zu handeln als flögen sie zum Mars, so nah bleibt doch die Überwachungsmaschine draußen. Und mit ihr die Gewissheit, wenn etwas Ernstes passieren würde, ginge die Schleuse auf.

Dieses Wissen verändert das Zusammenleben und es verändert die Gruppendynamik. Abwechselnd aus der Perspektive von Dawn, Ramsay und Linda erzählt, kommt die Höllenfahrt ohne Ortswechsel fast ohne dramatische Momente aus: Kakerlaken und Spatzen bedrohen das Öko-Gleichgewicht, wie im Dschungelcamp geht es irgendwann darum, wer mit wem ins Bett geht. Und als Dawn schwanger wird, ist die Versorgungslage ohnehin schon angespannt und das große Experiment steht vor dem Scheitern.

T.C. Boyle, eigentlich ein Meister der packenden Schilderung überschaubarer Konflikte, hat an dieser Stelle leider schon das Interesse an seiner Story verloren. Er lässt sie irgendwie zu Ende gehen.

Für die einen so. Für andere so.


Mittwoch, 22. Februar 2017

Science Fiction: Irgendwo ist immer jetzt


Überall sind Bildschirme, Kameras, Sensoren, elektronische Spione. Alles muss sicher sein, vorhersagbar, kontrolliert, denn die große, kluge Maschine, der die Menschheit ihr Überleben anvertraut hat, kann schlecht mit Variablen rechnen. In einem gigantischen, gewalttätigen Akt hat sie deshalb alles vernichtet, was störenden Einfluss nehmen könnte. Milliarden Menschen sind tot, die Natur wurde begradigt, Menschsein ist zur Erfüllung einer Aufgabe geworden.

Und doch sind da immer noch Störenfriede in Stephan R. Meiers Debütroman „Now“. Stark zum Beispiel ist eigentlich der Erbe des totalitären Gebildes namens „Now“, eines Supercomputernetzwerkes, in dem unschwer reale Vorbilder wie Google, Facebook oder Apple zu erkennen sind. Stark, der Sohn eines der gutwilligen, mit allerbesten Absichten gestarteten Gründer des allwissenden Algorithmus, kippt angesichts einer ungeplanten Liebe zu einer „Wilden“ aus der Restwelt aus der Matrix.

Er wird zum Feind der Maschine, die 99 Prozent der Menschheit geopfert hat, damit das restliche Prozent endlich in nachhaltigem Gleichgewicht mit der geschundenen Natur leben kann.

Ein Konflikt, an dem Stephan R. Meier scheitert. Zwar beschreibt der Sohn des früheren Verfassungsschutzchefs Richard Meier, der zuvor nur Sachbücher über seinen Vater und über den Terroristen Carlos geschrieben hat, die Entstehungsgeschichte des Now-Computers mit filigranem Strich. Doch die Personen drumherum bleiben so blass wie ihre Motive.

Dasselbe gilt für die Handlung, die mehrfach dazu ansetzt, Fahrt aufzunehmen, etwa als Now den Strom abschaltet und die Zivilisation binnen kurzem außer Rand und Band gerät. Doch Meier wollte wohl keinen temposcharfen Thriller schreiben, sondern eine teilweise als philosophische Belehrung verkleidete Abhandlung über Moral und die Verführbarkeit des Menschen durch Macht.

Das immerhin wäre ihm dann sehr gut gelungen.

Sonntag, 5. Februar 2017

Schulrechner SR1: Als die DDR den Einstieg in die Hightech-Zukunft probte

Schultaschenrechner sind nicht auf dem neuesten Stand der Technik, sie sind hässlich und sie sind teuer. Zeit, den Innovationsbremsern Dampf zu machen, Nur zwei Hersteller teilen sich den Markt und sahnen dabei kräftig ab, hat heise.de herausgefunden. Ein Klassiker aus DDR-Zeiten erinnert daran, wie es war, als es noch ganz anders war: Der SR1 dominierte den Taschenrechner-Markt der Arbeiter- und Bauernrepublik ohne jede Konkurrenz.


Zwei Schalter und 34 Tasten, eine LED-Anzeige und ein Gehäuse, das Plastik und gebürstetes Aluminium kombinierte – so sah sie aus, die mikroelektronische Revolution, die 1985 über die DDR kam. Der Schulrechner SR1 – wobei SR1 die Abkürzung für Schulrechner 1 war – verdrängte den bis dahin benutzten Rechenschieber und wurde zum Bestandteil des Regelunterrichts in den 7. Klassen. „So kann der Unterricht lebensverbundener gestaltet und die Schüler besser auf jene Anforderungen vorbereitet werden, die die wissenschaftlich-technische Entwicklung ihnen künftig stellt“, argumentierten die DDR-Medien, die den bereits 1981 von Gerhard Bieber und Hartmut Vogt entworfenen Rechner zu einer Art High-Tech-Gerät verklärten.


Das war nicht einfach so in den Schulen eingeführt worden, sondern erst nach ausgiebigen Tests. Sechs Jahre lang hatten 40 ausgewählte Schulklassen zuvor schon mit dem Taschenrechner gearbeitet, darunter auch an einige Merseburger Oberschulen. In derselben Zeit baute der VEB Mikroelektronik „Wilhelm Pieck“ in Mühlhausen die Produktionskapazitäten aus, um jährlich rund 150.000 SR1 an Schülerinnen und Schüler ausliefern zu können.

Der Staat griff dafür tief in die Tasche: Während der baugleiche Rechner MR 609, der als MR 609 mit der Herstellerangabe MBO Schmidt & Niederleitner GmbH & Co. KG auch im Westen angeboten wurde, im Handel stolze 460 Mark kostete, konnten Eltern von schulpflichtigen Kindern den SR1 in den RFT- und Kontaktring-Verkaufsstellen gegen Vorlage eines von den Schulen verteilten Bezugsscheines für 123 Mark kaufen. Darüber hinaus verfügte jede Schule für den Fall, dass der Kauf eines eigenen Rechners nicht möglich war oder der eigene Rechner eines Schülers einer Reparatur wegen vorübergehend nicht nutzbar war, über mehrere SR1, die als Ausleihexemplare zur Verfügung standen.

Das bis zum Ende der DDR mehr als eine Million Mal hergestellte robuste Gerät hielt der Beanspruchung im Schulunterricht tatsächlich stand, wie spätere Untersuchungen ergaben. Die zwei langlebigen Knopfzellen zur Energieversorgung reichten etwa 2000 Stunden, die automatische Abschaltung der Stromversorgung nach sechs Minuten sparte Energie.

Da weitgehend gesichert war, das Schulrechner in den entsprechenden Dienstleistungseinrichtungen innerhalb von 14 Tagen repariert wurden, seien „günstigere Bedingungen für eine vertiefte mathematische Bildung der Schüler“ entstanden, beruhigten Forscher die Bedenken von Eltern, dass Kinder das Kopfrechnen verlernen und ohne Taschenrechner hilflos sein könnten.

Eigentlich aber ging es den DDR-Verantwortlichen um noch viel mehr: „Der Taschenrechner ist der Einstieg in die informationsverarbeitende Technik“, hieß es, „durch den frühzeitigen Umgang mit solchen Geräten wird das Entstehen großer Hemmschwellen verhindert.“ Die Schüler würden an Denk- und Arbeitsweisen herangeführt, die für den Umgang mit informationsverarbeitenden Einrichtungen von großer Bedeutung seien, glaubte man.


Donnerstag, 2. Februar 2017

Carsten Mohren: Bis zum Ende leben


Im November vergangenen Jahres wusste Carsten Mohren, den seine Kollegen nur „Beathoven“ nannten, dass ihm nur noch kurze Zeit zu leben blieb. Mund- und Rachenkrebs im Endstadium, die Ärzte gaben dem Musiker mit den flinken Klavierfingern kein halbes Jahr mehr zu leben. Doch Carsten Mohren, aufgewachsen im Haus des Puhdys-Gitarristen Dieter Hertrampf, wollte trotzdem noch einmal raus, noch einmal auf die Bühne, noch einmal diese wilden, ekstatischen Konzerte spielen, für die seine Band Rockhaus bekannt war.

Also zogen sie los, die fünf Männer um Sänger Mike Kilian, die 1978 beschlossen hatten, erfolgreicher als die Puhdys zu werden. Carsten Mohren, schmal geworden und geschwächt von seiner Krankheit, stand mit dicker Brille auf der Bühne, er schmunzelte oft und spielte doch, als ob nichts gewesen sei: Ein Klavier bei „Parties“, das Schifferklavier bei „Blutrot“ und die Kirchenorgel bei „I.L.D.“. Rockhaus waren, knapp 40 Jahre nach der Gründung, 30 nach ihrem größten Erfolg mit dem Album „I.L.D.“, 20 Jahre nach der Auflösung und zehn nach dem Comeback zurück im Glück, mit vollen Hallen und Zusatzkonzerten.

Für Carsten Mohren, der immer auch als Komponist, Produzent und Toningenieur etwa für die Puhdys, Karat, Dirk Michaelis und Regina Thoss gearbeitet hatte, das Ziel aller Wünsche. Mit acht Jahren hatte er begonnen, Klavierunterricht zu nehmen. Mit 18 spielte er neben dem späteren Pankow-Frontmann André Herzberg in der Gauckler-Rockband, mit Mitte 20 wechselte er genau in dem Moment zu Rockhaus, als aus der Teenie-Truppe eine Band wurde, die ernsthafte Fragen in großen Rockhymnen wie „Mich zu lieben“ abhandelte. Woher kommt diese Einsamkeit? Was stellt diese Gesellschaft mit denen an, die in ihr leben?

Die Antwort ist offen, auch nach dem letzten Rockhaus-Album „Therapie“, das im Titel schon auf Mohrens schwere Erkrankung anspielte. Der Keyboarder, der auf seiner letzten Tour noch half, das erste Rockhaus-Live-Album einzuspielen, starb am Dienstag in einer Berliner Klinik.

Carsten Mohren wurde nur 54 Jahre alt.

Dienstag, 31. Januar 2017

Katrin kandidiert: Flügelschlag einer lahmen Ende

Ende und Anfang: Die letzte Schlagzeile mit Katrin Budde - und ihr Comeback.
Als Wahlkampf war es kaum zu bezeichnen, was SPD-Landeschefin Katrin Budde vor einem Jahr ablieferte. Null Öffentlichkeitsarbeit, kein Internetwahlkampf, dazu vor allem fehlende Inhalte und falsche Schwerpunkte.

Für die SPD führte die Landtagswahl erwartungsgemäß ins komplette Desaster. Nie zuvor wurde die sozialdemokratische Partei so abgestraft. Mit unter zehn Prozent der Stimmen lag die Partei, die noch vor einigen Jahren den Ministerpräsidenten stellte, in einem Bereich, in dem der nächste Schub nach unten die Existenz bedroht.

Katrin Budde, vorher noch siegesgewisse Spitzenkandidatin, hielt trotzdem noch ein paar Tage tapfer an ihrem Posten fest. Warum, das lässt sich inzwischen vermuten: Die Diplom-Ingenieurin aus Magdeburg handelte als Abfindung das Versprechen ein, einen der mutmaßlich nur zwei sicheren Listenplätze der SPD für den nächsten Bundestag zugesprochen zu bekommen.

Den hat Katrin Budde jetzt mit Platz 2 der Landesliste überreicht bekommen. Dazu muss man wissen: Karamba Diaby aus Halle hatte es bei der letzten Bundestagswahl nur mit Ach und Krach ins Parlament geschafft, weil wegen des schlechten Wahlergebnisses nur vier Abgeordnete aus Sachsen-Anhalt über die Landesliste in den Bundestag einzogen.

Schneidet die SPD im Herbst nun  so ähnlich ab wie im März letzten Jahres bei der Landtagswahl, wäre die Bundestagskarriere von Diaby, der hinter Budde Platz 3 der Landesliste belegt, nach einer Legislaturperiode schon wieder zu Ende. Im Bundestag säße dann für die Sachsen-Anhalt-SPD neben Landeschef Lischka allenfalls noch jene Katrin Budde, deren politisches Wirken seit ihrem Rücktritt vom Landesvorsitz und vom Chefposten der Landtagsfraktion an das eines Ruheständlers erinnert.

Budde lässt auf ihrer Homepage schweigen und sie schweigt bei Twitter, sie hat ihre Facebook-Seite gelöscht und auf dem verbliebenen privaten Rest nie wieder etwas geschrieben. Budde, die Magdeburgerin, die in ihrem neuen Wahlkreis Mansfelder Land - 80 Kilometer entfernt - von nicht einmal vier Dutzend SPD-Mitgliedern nominiert wurde, hat öffentlich nie mehr von sich hören gemacht. Sie ist im Landtag mit einer einzigen Kleinen Anfrage aufgefallen und auch ihr letztes Lebenszeichen auf der Landtagshomepage stammt von irgendwann vor der verlorenen Landtagswahl.

Wie kann das gehen? Wie kann eine Partei, die sich anschickt, mit Martin Schulz große Ansprüche anzumelden, jemanden zum Spitzenkandidaten machen, der offenkundig längst seinen Abschied aus der aktiven Politik genommen hat? Gibt es eine Rückkehr? Mit welcher Botschaft?

Noch hat der Wahlkampf nicht begonnen, da hat die SPD schon ein ernstes Kandidatenproblem.

Die SPD im Archiv: Das System Magdeburg




Samstag, 28. Januar 2017

Als der Punk nach Deutschland kam


Als der Punk in Deutschland vor 40 Jahren aus den Probekellern kroch, war der Berliner Gerrit Meijer mit seiner Band PVC dabei.

Am Anfang sind Eddie Cochran, Elvis und Chuck Berry. Da ist Gerrit Meijer 14 Jahre alt und in Ami-Musik verliebt. So sehr, dass den Jungen aus Berlin die Empörungswellen in den Medien nach einem außer Rand und Band geratenen Bill Haley-Konzert im Sportpalast nur von einem überzeugen: Das ist es, das ist die Musik für mein Leben.

Ein halbes Jahrhundert später schaut Meijer, unterdessen knapp vor der 70, in einem Buch auf „die unzensierte Geschichte“ (Untertitel) von „Berlin. Punk. PVC“ (Titel) zurück. Die hat er, der staatenlose Sohn eines holländischen Zwangsarbeiters und dessen deutscher Frau, als Akteur erlebt. Meijer, der mit sechzehn seine erste akustische Framus-Gitarre bekommt, wird in den siebziger Jahren zu einem der Pioniere des Punk in Deutschland, ohne es jemals zu einer Berühmtheit zu schaffen, die es ihm erlaubt hätte, sorgenfrei von seiner Musik zu leben.

Meijers Band PVC ist ihrer Zeit zu weit voraus. Nur ein paar Monate nach den ersten aufsehenerregenden Berichten über die Sex Pistols und The Clash in Großbritannien begegnen sich Meijer und seine späteren Bandkollegen Jürgen Dobroszcsyk, Raymond Ebert und Knut Schaller bei einem Konzert den englischen Punkband The Vibrators im Berliner Kant-Kino.

Gerrit Meijer hat zu dieser Zeit schon knappe zehn Jahre in allerlei Gruppen hinter sich. Während er Maschinenschlosser lernt und als Gartenbauer und Lagerarbeiter jobbt, macht er immer irgendwo mit irgendwem Musik.

Allerdings braucht es den Do-it-yourself-Gedanken des Punk, der dem frühen Fan der Punkpioniere von den New York Dolls das Selbstbewusstsein verlieht, in Deutschland selbst eine Art Pionier zu werden. Gerrit Meijer, ein Lebenskünstler, der von seinen großen Träumen nicht lassen will, findet mit PVC erstmals die Möglichkeit, auch ohne alles überstrahlende Virtuosität auf seinem Instrument auszudrücken, was ihm auf der Seele brennt. Reisen nach London und Platten der Ramones, von Iggy Pops Stooges und Television zeigen dem kurz vor seinem 30. Geburtstag stehenden Hobby-Musikanten, dass der Abstand nach oben nicht mehr so groß ist wie noch zu Zeiten der Superbands und Megagitarristen mit ihren abendfüllenden Soli.

PVC spielen simplen, auf drei Akkorden hüpfenden Rock mit überschaubarem Melodiengehalt und knappen Botschaften. „Wall City Rock“ ist ihr erster Hit, eine Botschaft aus Berlin an die Welt, die zum Kultsong wird.

Nur hilft das wenig, um Geld damit zu verdienen. Gerrit Meijers Buch, das zuallererst eine Autobiografie ist, beschreibt die endlosen Versuche, aus dem Anfangserfolg etwas Dauerhaftes, Nachhaltiges zu machen. Doch Musiker sind Diven, Drogen liegen auf jedem Tisch und die Vorstellungen sind immer verschieden, selbst wenn alte Bandkollegen gehen und neue an ihren Platz rücken.

Die Berliner Punk-Pioniere PVC mühen sich. Vergeblich. Es dauert Jahre bis zu ersten Platte. Als sie dann erscheint, ist Punk heiß wie eine Tiefkühltruhe und Gerrit Meijer eine Art Betriebsnudel der Szene. Er hat Größen wie Iggy Pop kennengelernt, mit dem späteren Ideal-Gitarristen Eff Jott Krüger zusammengespielt und die Ärzte inspiriert, die all das erreichen werden, wovon er immer geträumt hat.

Zum eigenen großen Ruhm hat es dagegen nie gereicht, zum großen Geld ebensowenig. Aber immerhin lobt Oberarzt Bela B., der 1979 sein erstes Punkkonzert besuchte und dabei Gerrit Meijers Band PVC erlebte, den deutschen Punk-Senior heute in höchsten Tönen: „Diese Haltung - konsequenter als jede Tätowierung.“


Donnerstag, 19. Januar 2017

Reinhard Heydrich: Die blonde Bestie aus der Gütchenstraße


Reinhard Heydrich war Himmlers rechte Hand und Hitlers Hirn bei der Planung des Holocausts. Geboren in Halle und aufgewachsen in der Gütchenstraße, machte der Sohn eines Opernsängers und Musikschulgründers nach seinem Rausschmiß aus der Marine schnell Karriere in der SS. Doch Gerüchte um eine angebliche jüdische Abstammung begleiteten die "blonde Bestie" ein Leben lang.


Es war das mehrbändige Riemannsche Musiklexikon, das den strammen Antisemiten Reinhard Heydrich in Verlegenheit brachte, noch ehe sein ganz großer Aufstieg in der Nomenklartura des Dritten Reiches begonnen hatte. In jenem Lexikon, seinerzeit ein Klassiker, wurde Heydrichs Vater Bruno, ein in der halleschen Gütchenstraße ansässiger Opernsänger, Komponist und Musikschul-Betreiber, mit dem Hinweis erwähnt, er heiße standesamtlich eigentlich „Isidor Süß“. Süß war ein weitverbreiteter Nachname unter jüdischen Familien - Heydrich sah sich plötzlich einer von Hitlers Ziehvater Gregor Strasser angeordneten Untersuchung durch Rudolf Jordan, den Gauleiter von Halle-Merseburg ausgesetzt, deren Ziel es war, seine vermeintlichen jüdischen Wurzel offenzulegen.

Stein ohne Vornamen


Ein Vorhaben, das auf der These beruhte, Reinhard Heydrich sei quasi aus Hass auf seine eigene Abstammung Nationalsozialist und Judenfeind geworden. Gerüchte gingen um, nach denen der Chef des Reichssicherheitsdienstes Vertraute veranlasst habe, Kirchenbücher entwendet und dafür zu sorgen, dass das Grab seiner jüdischen Großmutter auf einem Leipziger Friedhof mit einem neuen Stein ohne deren Vornamen Sarah versehen wird. Einer anderen Variante der Geschichte zufolge sollte Heydrich die Großmutter gar exhumieren  und in Dänemark neu bestattet lassen haben.

Fake News in einem Zeitalter, als es den Begriff noch nicht gab. Erfunden hatte sie in diesem Fall offenbar ein Schüler von Heydrichs Vater, von Beruf Bäckermeister in Halle und familiär mit dem Herausgeber der Enzyklopädie verbunden. Bruno Heydrich hatte den Mann aus seinem "1. halleschen Konservatorium für Musik und Theater" geworfen. Der Geschasste rächte sich, indem er behauptete, es bestehe eine Blutsverwandschaft Heydrichs zu einem jüdischen Vorfahren.

Der Kern des Vorwurfs, der aufgrund der Fixierung der Nazis auf "Rasse" und "Abstammung" gehalten war, jede Karriere zu zerstören, lag im frühen Tod von Heydrichs Großvater. Die Großmutter des späteren Massenmörders hatte daraufhin, alleingelassen mit insgesamt sechs Kindern, einen Mann namens Süß geheiratet, der ihr half, die Kinder ihres ersten Ehemanns großzuziehen.

Heydrich klagte gegen den Verlag wegen Verleumdung und gewann den Prozess, der, so heißt es später in einem Buch des SS-Mannes Wilhelm Höttl, "dank der Presselenkung keinerlei Aufsehen erregte". Doch das Gerücht wurde er nicht los. So hoch der Hallenser in der Nomenklatur der Nazis stieg, so stetig hielt sich die Geschichte über die jüdischen Wurzeln des Mannes, der die Wannsee-Konferenz organisierte und dort zum obersten Planer des Vernichtungsfeldzuges gegen die europäischen Juden wurde. Heydrich habe seine "jüdischen Wurzeln" überwunden, soll Himmler über seinen wichtigsten Mann gesagt haben - offenbar lebte selbst der Herrscher des SS-Schreckensreiches im Glauben, irgendetwas müsse an der  Geschichte schon dransein.


Lückenhafte Ahnentafel


Auch lange nach dem Tod Heydrichs, auf den tschechische Widerstandskämpfer im Sommer 1942 in Prag  einen Anschlag verübten, hielten sich die Erzählungen über den antisemitischen Juden nicht nur, sie schienen auch immer mehr Begründungen zu finden. Als nach dem Krieg entdeckt wurde, dass in seiner bei der SS amtlich geführten Ahnentafel Name, Herkunft und Geburtsort der Großmutter fehlten, kam selbst Robert Kempner, einer der Anwälte im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess und der Entdecker des Wannsee-Protokolls über die Beschlüsse zur Ermordung von Millionen Juden zum Schluss, dass Heydrich seine Biografie gefälscht habe.

Erst Mitte der 60er Jahre gelang es dem israelischen Historiker Schlomo Aronson dann, den Beweis zu führen, dass der Organisator des Holocaust kein Jude war, sondern ein Mann aus den deutsch-konservativen, bürgerlichen Kreisen Halles.



Dienstag, 10. Januar 2017

Unity Mitford: Adolfs It-Girl

Sie ist blutjung, wunderhübsch, reich und aus bestem Hause. Dann aber  verliebt sich die englische Adelstochter Unity Mitford in Deutschland, den Führerstaat und vor allem in Adolf Hitler, den sie liebt, vergöttert und über Jahre begleitet. Der Anfang eines tragischen Endes für eine Frau, deren Rebellentum bis heute ein Rätsel ist. 


Die Frau mit den strahlenden Augen, dem dunkelblonden Haar und den rot angemalten Lippen wartet vergebens im Münchner Café „Osteria Bavaria“. Doch immer wieder findet sie sich ein, liest in der „Vogue“, schaut aus dem Fenster und trinkt Tee. Unity Valkyrie Mitford ist geduldig, denn sie ist auf der Jagd. Auf der Jagd nach ihrem Idol, ihrer großen Liebe. Auf der Jagd nach Adolf Hitler.
Der geht in jenem Jahr 1935 ein und aus im In-Restaurant der Münchner Schickeria. Nur erwischen muss man ihn. Unity Mitford, eines der sieben Kinder von David Bertram Ogilvy Freeman-Mitford, 2. Baron Redesdale, und seiner Ehefrau Sydney Bowles, ist zudem die Cousine von Clementine Churchill, der Ehefrau von Winston Churchill, und die Tante des späteren Formel-1-Funktionärs Max Mosley. Sie wartet wochenlang.

Manchmal sieht sie ihren geliebten Führer vorübergehen. Gelegentlich nickt er ihr sogar erkennend zu. Doch erst am 9. Februar 1935 gegen 15 Uhr bittet Hitler Unity Mitford an seinen Tisch. Am nächsten Morgen schreibt die 21-Jährige übersprudelnd vor Gefühl an ihre Schwester Diana: „Gestern war der wundervollste und schönste Tag in meinem Leben.“


Sonderbare Affäre


Es ist der Beginn einer sonderbaren Affäre zwischen der jungen Engländerin aus bestem Hause und dem verhinderten Kunstmaler aus Österreich, der es bis zum deutschen Reichskanzler bringt und die Welt anschließend in die tiefsten Abgründe stürzt, die die Straubinger Schriftstellerin Michaela Karl in ihrem Buch „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ beschreibt.

Unity Mitford, die bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu Hitlers Girl werden wird, vereint zwei Welten in sich. Hier ist die wohlerzogene Adlige aus gutem Haus, die sich zu benehmen weiß. Und dort die Rebellin, die sich nicht benehmen will, wie es ihre Umgebung von ihr erwartet. Unity ist ebenso schön wie romantisch veranlagt, sie kennt keinen Respekt vor Traditionen und glaubt mit großer Selbstverständlichkeit an übernatürliche Erscheinungen. Mehr als zu Menschen fühlt sie sich zu Tieren hingezogen. Mehr als nach einer Lebensaufgabe für sich selbst sucht sie nach dem künftigen Weg für die Gesellschaft.

Als ihre Schwester Diana den englischen Faschistenführer Oswald Mosley kennenlernt und seine Geliebte wird, fühlt sich Unity Mitford angesprochen von dessen Parolen. Ihr gefallen die Uniformen, das Strenge, Disziplinierte, die Märsche, Stiefel und Ledergürtel. Zwischen ihren Besuchen bei den großen Bällen der Londoner Gesellschaft ist Unity Mitford bald vor allem damit beschäftigt, Hitler anzuhimmeln. Seit dessen früher Förderer Ernst „Putzi“ Hanfstaengel sie zum ersten Mal nach Deutschland eingeladen hat, ist Unity vom Führerstaat fasziniert. Ein Besuch beim Reichsparteitag in Nürnberg macht die britische Adlige endgültig zum Führer-Girl.
Auch die Nazis sind beeindruckt, selbst wenn Göring und Goebbels das offensive Make Up von Unity und ihrer Schwester Diana kritisieren. Hitlers Rassehetzer Julius Streicher zeigt sich begeistert von den „Mustern nordischer Schönheiten“. Und Unity vom Nazi-Chic: Mit 304 Führerpostkarten im Gepäck tritt sie die Heimreise an. Nach Hause ins alte England aber gelangt sie nie wieder.

Unity Mitford ist jetzt mehr Nationalsozialistin als Britin. Lässt sie sich von Hitler anfangs noch beglückt Autogramme geben, hat sie den Führer bald so weit, sie in seinen innersten Kreis vorzulassen. Unity Mitford ist 1,80 groß, kräftig und ihr zweiter Vorname ist Valkyrie, also Walküre, der Titel einer Oper des von Hitler so geschätzten Richard Wagner, mit dem Unitys Großvater Bertie persönlich befreundet war. Adolf Hitler ist hingerissen, er sieht in Unity den Vorboten eines Siegeszuges des Nationalsozialismus auf der Insel. Danach werde sein Wunsch, mit Großbritannien auf Augenhöhe über eine Aufteilung der Welt zu verhandeln - Deutschland bekommt Europa, England den Rest -, nur noch Formsache sein, glaubt er.

Dank ihres britischen Passes lebt Unity Mitford das globalisierte Leben des Jet Set. Im schnittigen Kleinwagen braust sie durch Europa. Hitler nimmt sie mit zur Hochzeitsfeier von Göring und sie ist zum Diner mit Ribbentrop und Goebbels verabredet. Sie gibt dem Nazi-Regime Weltläufigkeit und internationalen Anschein. Sie selbst sei wohl „irgendwie hingerissen von dem Glanz und dem Auftreten der nationalsozialistischen Bewegung und der Massenbewunderung für Hitler“, notiert der britische Nazi-Führer Mosley nach einem Abendessen in Hitlers Münchner Wohnung, an dem neben Winifred Wagner auch Unity teilnehmen darf.

Die 21-Jährige ist jetzt das It-Girl des Dritten Reiches. Während die Nazis ihre ersten Feinde in Lager bringen, wirft sie Knallerbsen aus ihrem Fenster in der Kaulbachstraße. Sie macht nackt Frühsport und liegt ebenso nackt im Englischen Garten. „Good Girl“, nennt sie eine Mitbewohnerin ironisch. Daheim auf der Insel kann darüber niemand lachen. Unity Mitford gilt in den späteren 30er Jahren nicht mehr nur als Oberklassenmädchen mit verschrobenen Vorlieben, sondern als Staatsfeindin.

Doch Unity lässt sich nicht beeindrucken. Viel zu sehr ist sie eingenommen von der Hingabe, die der Mann, den sie in Briefen als „den süßen Führer“ bezeichnet, ihr widmet. Selbst Eva Braun wirkt ungehalten über beider Nähe, wie ein Tagebucheintrag verrät. „Er“ habe jetzt einen Ersatz für sie, schreibt Hitlers Geliebte: „Sie heißt Walküre und sieht so aus, die Beine miteingeschlossen.“
Dass Hitler mit der jungen Britin Gespräche über Politik führt und ihr sogar gestattet, ihm zu widersprechen, erstaunt unter anderem Hitlers Architekten Albert Speer. Dass sie 1936 als Hitlers Ehrengast bei den Olympischen Spielen weilt, überrascht niemanden mehr. Das Mädchen von der Insel gehört zum festen Nazi-Inventar.


Kugel in den Kopf


Eine Stellung, die Mitford mit Kriegsausbruch in eine Zwangslage bringt. Unter nie geklärten Umständen trifft eine Kugel sie am 3. September 1939 mitten in München in den Kopf. Es ist der Tag der britischen Kriegserklärung an Deutschland - und Unity hat wohl selbst abgedrückt. Von den Hirnschäden, die die 25-Jährige durch das Geschoss erleidet, erholt sie sich nie wieder. Unity Mitford wird schwer verletzt nach England zurückgeholt, hier lebt sie halb gelähmt und angefeindet bis zum Mai 1948, als sie an den Folgen einer Meningitis stirbt. Sie ist gerade 33 Jahre alt. Und hat Hitler nie abgeschworen.

„Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“, Hoffmann und Campe, 400 Seiten, 22 Euro

Freitag, 30. Dezember 2016

Zehn-Jahres-Gedenken: Micha Rösch - ein bunter Hund im Os­t­rock-​Uni­ver­sum

Micha Rösch mit einem seiner Idole, dem Chef der Walkabouts Chris Eckman.
Er war immer schon früher da. Wenn die Techniker noch auspackten, die Musiker ihre Instrumente stimmten und nur eine Handvoll Fans sich an der Bar herumdrückten, ging Michael Rösch bereits um: Leicht gebeugt schlenderte er durch den Saal, eine große Brille auf der Nase und einen Packen Flugblätter in der Hand, die für seine auf Ostrock spezialisierten Internetseiten warben.

Doch nicht erst durch die wurde Michael Rösch zum bunten Hund im Ostrock-Universum. Wer in den letzten zwei Jahrzehnten auch nur hin oder wieder zu Rockkonzerten in Halle, Leipzig oder Landsberg ging, lernte den begeisterten Musikliebhaber beinahe zwangsläufig kennen. Wo immer eine Gitarre eingestöpselt wurde, war Micha Rösch, in der Szene nur "der Micha" genannt, nicht weit. Ob Karat oder Renft, Puhdys und Gundermann, Silly oder Die Sieben Leben - der Micha liebte sie alle, er liebte sie unbedingt und abgöttisch.

Und er wusste alles von ihnen. Wer wann mit wem spielte, welcher Titel auf welcher CD zu finden ist - der studierte Bauingenieur, der nach der Wende zum Steuerberater umschulte, vermochte jede noch so komplizierte Frage wie im Vorbeigehen zu beantworten.


Glühender Fan jeder Art von handgemachter Musik war der gebürtige Dessauer früh geworden. Schon zu DDR-Zeiten sammelte Micha Rösch Amiga-Platten, las "Melodie&Rhythmus", fuhr zu Konzerten und suchte Kontakt zu Musikern wie dem Renft-Mann Peter "Cäsar" Gläser, Komponist seines Lieblingsliedes "Wer die Rose ehrt", oder der Leipziger Sängerin Susanne Grütz, die er ganz besonders verehrte. Nach dem Ende der DDR dann wurde er zum Archivar ihres musikalischen Nachlasses: Tausende und Abertausende CDs, Platten und Bücher füllten zimmerhohe Regalwände in seiner Wohnung hoch über dem halleschen Riebeckplatz.

Als ihm sein Chef schließlich kündigt, weil der Micha im wahren Leben keiner ist, der sich widerspruchsfrei in die marktwirtschaftliche Vermarktungslogik einpasst, wird das Hobby dem glühenden Lokalpatrioten zu Halt und Lebensinhalt zugleich. 


Micha Rösch frickelt nun Tag und Nacht an seinen Internetseiten, er entwirft Logos, bastelt Aufkleber, versucht, die Szene zu vernetzen. Bei Radio Corax in Halle moderiert er die Sendung "Rocktrabant", er verfasst Plattenkritiken und Konzertrezensionen, organisiert Fantreffen und hofft Jahr für Jahr mit nie erlahmender Zuversicht, dass es diesmal wirklich ein Künstler aus seiner Wahlheimatstadt Halle bis in die Hitparaden schafft.

Er ist immer enttäuscht worden, und war doch nie enttäuscht. Michael Rösch saß weiter jeden Sonntag in seiner Lieblingskneipe und schwärmte glühenden Auges von neuen Songs seiner alten Helden. Er plante eine Radiosendung, die trotzig "Halle rockt" heißen sollte. Und er freute sich darauf, seinen Helden Mitch Ryder und die bei ihm noch höheren Rang genießende Band Engerling wie jedes Jahr wieder gemeinsam zu erleben.


Die Ostrocker und der Reibeisen-Ami haben dann ohne ihn feiern müssen. Micha Rösch wurde einen Tag vor dem Silvesterfest des Jahres 2006 tot in seiner Wohnung gefunden, gestorben nach einem Zuckerschock. 


Ostdeutschlands Rock-Papst, der auf eine sehr leise Weise unüberhörbar gewesen ist, wurde nur 43 Jahre alt.

Die Internetadresse seiner Seite halle-rockt.de hat sich inzwischen eine Rechtsanwaltskanzlei gesichert. In seinem geliebten Ostrockforum aber erinnert sich hin und wieder noch jemand an ihn.


Dienstag, 27. Dezember 2016

Deutsche Datentrottel: Wie die EU sinkende Preise verhindert


Obwohl Deutschland beim mobilen Internet weit abgeschlagen ist und die Kunden unter hohen Preisen leiden, sehen Kartellamt und EU-Behörden keinen Grund zum Eingreifen. Mit neuen Plänen zur Abschaffung des Roaming wird ein gemeinsamer europäischer Markt für Telekommunikation nun endgültig und für alle Zeiten unmöglich. 

Dass etwas gründlich schief läuft zwischen Deutschland und der mobilen Datenzukunft, das ist kaum zu übersehen. Wollen Dänen, Letten oder Polen mobil mit ihren Smartphones oder Tablets ins Internet, dann buchen sie eine Flatrate. Die ist mit um die 16 Euro günstig. Und sie ist nach oben offen - egal, wie viel Daten herunter- oder hinaufgeladen werden, es gibt keine Volumenbegrenzung, keine Geschwindigkeitsbremse, nichts.

Für deutsche Kunden unvorstellbar. Hierzulande bekommt der durchschnittliche Surfer höchstens ein bis zwei Gigabyte Datenvolumen zu dem Preis, zu dem einem dänischen Nutzer grenzenlose Datenmengen zur Verfügung stehen.


In der aktuellen Untersuchung des Digital Fuel Monitors, der Datenpreise in ganz Europa verglichen hat, steht Deutschland auf dem drittletzten Platz, abgeschlagen hinter Finnland, Frankreich, Großbritannien, Österreich und Schweden, aber auch hinter Italien und Spanien. Und nur knapp vor Rumänien und Zypern. Umgerechnet ist mobiles Surfen in Deutschland bis zu 50 mal teurer als anderswo in Europa. Nur die vergleichsweise hohen Einkommen lassen die Bundesrepublik statistisch gut aussehen: Durchschnittlich 0,5 Prozent seines Einkommens gibt ein Deutscher für Mobilfunkleistungen aus. Das ist ähnlich wenig wie Österreicher, Dänen oder Finnen bezahlen. In Griechenland, Ungarn und Rumänien sind es dagegen stolze drei Prozent, weltweit im Durchschnitt 6,6 Prozent und in manchen afrikanischen Ländern sogar über die Hälfte des Gesamteinkommens.


Fünf Jahre Agenda



Vor fünf Jahren hatte die EU-Kommission erstmals eine "Digitale Agenda" vorgestellt, mit der Europa zu einem einheitlichen digitalen Binnenmarkt zusammenwachsen sollte. Der würde, so die Kommission, einerseits eine "universelle Breitbandversorgung in Kombination von Festnetz und Mobilfunk" garantieren. Und andererseits bis 2020 ultraschnelle Internetanschlüsse mit mehr als 100 Mbit/s für alle Bürger bereitstellen. 


2015 bekräftigte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dass an dem Vorhaben festgehalten werde. Er wünsche sich "paneuropäische Telekommunikationsnetze, grenzüberschreitende digitale Dienste und eine Gründungswelle bei innovativen europäischen Start-ups", sagt der Luxemburger bei der Vorstellung von 16 Einzelinitiativen, die dazu führen sollen, "dass alle Verbraucher die besten Angebote bekommen und alle Unternehmen im größtmöglichen Markt tätig werden können" (Juncker).

Ein Wunsch, der bis heute nicht in Erfüllung gegangen ist. Obwohl gerade der Zugang zu den mobilen Netzen ein paneuropäisches Geschäft ist, das nicht an Ländergrenzen Halt macht, erschöpft sich das Engagement der EU-Kommission für einen freien Zugang aller zu den günstigsten Angeboten in ganz Europa seit Jahren im medienwirksamen Kampf gegen das Roaming - also die mit Zusatzkosten verbundene Netznutzung im europäischen Ausland. Weder untersucht das deutsche Kartellamt die hohen Preise im Inland noch tun die EU-Wettbewerbshüter mehr als gelegentlich in Studien riesige Unterschiede bei den "mobile broadband prices" (Titel) im gemeinsamen Markt zu konstatieren. Deutsche Mobilfunkkunden sind so gezwungen, ihre Verträge bei deutschen Mobilfunkfirmen abzuschließen, obwohl deren Angebote dem Vergleich mit der österreichischen oder polnischen Konkurrenz nicht im entferntesten standhalten.


Polen hat es gut

Zehn Gigabyte Datenvolumen gibt es in Polen als Startangebot für 2,25 Euro - hinter der Offerte steht die polnische Tochter der Deutschen Telekom, die im Tarif S-Data Comfort in Deutschland ein Gigabyte für 13,95 Euro anbietet. Ähnlich krass ist der Unterschied zu Österreich: 2 GB <> kann ein Kunde des Anbieters Drei hier zum Preis von 4,90 Euro nutzen. Im deutschen E-Plus-Netz kostet das mit 7,45 Euro in der günstigsten Variante rund 50 Prozent mehr. Und dabei wird es auch ab kommendem Sommer bleiben, wenn die so lange beschworene Abschaffung der Roaminggebühren Realität wird. 

Denn obwohl Andrus Ansip, EU-Kommissionsvizepräsident und zuständig für den digitalen Binnenmarkt, bei der Ankündigung des Roaming-Endes demonstrativ behauptete, der Beschluss sei "das Ergebnis intensiver Bemühungen, ein offenes Internet zu schaffen", bleiben die nationalen Märkte streng abgeschirmt.

Zwar ist es richtig, dass "die Europäer für Handygespräche auf Reisen in der EU denselben Preis wie für Handygespräche zu Hause zahlen", wie Ansip sagt. Doch die Betonung liegt auf "wie zu Hause": Wer einen Vertrag aus Lettland oder Polen hat, surft auch in Frankreich, Rumänien oder Deutschland so günstig wie daheim. Wer dagegen mit seinem teuren deutschen oder zypriotischen Vertrag auf Reisen ist, zahlt weiter die 50-fach teureren Gebühren, die für ihn zu Hause anfallen.


"Paneuropäische Telekommunikationsnetze" wie sie sich Juncker wünschte? Kein Gedanke. Aus der Absicht der EU, "Barrieren im digitalen Binnenmarkt einzureißen", wie es Andrus Ansip genannt hatte, ist ein Vorhaben geworden, das dem digitalen Binnenmarkt einen Riegel vorschiebt. Denn wer nun glaubt, er könne sich im Vertrauen auf die ja demnächst abgeschafften Roaming-Gebühren im Urlaub eine Sim-Karte mit billigem dänischen oder polnischen Tarif zulegen und sie dann zu Hause nutzen, hat nicht mit der guten Lobby-Arbeit der Mobilfunkanbieter gerechnet.


Die haben sich nämlich bei der EU-Kommission Ausnahmen für das sogenannte permanente Roaming erteilen lassen, weil der dauerhaft in Deutschland genutzte österreichischen Vertrag "marktschädigend wirken" könnte. 


Daher dürfen Anbieter, sobald sie bemerken, dass ein Kunde sich benimmt, als gäbe es einen wirklichen digitalen Binnenmarkt, Aufschläge verlangen, um das Ausnutzen der Preisunterschiede zu unterbinden.

Mittwoch, 21. Dezember 2016

Brief einer Hallenserin an verzogene Freunde, 1973


Fundstück aus dem Jahr 1973, als die Einwohner von Halle-Neustadt noch am Anfang einer Zukunft standen, die schon 17 Jahre später abrupt enden würde.  Jetzt aber ist die DDR noch jung, ihre Menschen sind es auch. Und westlich von Halle, das leise und traurig vor sich hinbröckelt, wächst aus Beton, was viele für eine Verheißung halten: Wohnungen mit warmem Wasser, mit Fahrstuhl,  Hausgemeinschaft aus fleißigen Leuten mit Kindern. Es gibt sichere Arbeit und regelmäßige Tagesabläufe, der Mensch steht, so glaubt er, im Mittelpunkt und der Sozialismus erst am Anfang.

Der Brief ist ein Zeitdokument, das verdeutlicht, wie Leute, die damlas Mitte 20 waren, über sich und ihre Zeit dachten.

Das habe ich gern: alter Hallenser sein wollen, sich vor sieben Jahren aus dem Staube machen, plötzlich durch Zeitungsnotizen aufmerksam werden und nun schneller als schnell Antwort auf brennende Fragen haben wollen.

Ich weiß, ihr seid damals nach dem Norden gegangen, weil dort dringend gut ausgebildete Agronomen gebraucht wurden. Das war sicher auch ein richtiger Entschluß, aber daß Ihr Euch seitdem in Eurer alten Vaterstadt nicht mehr habt sehen lassen, das kann man Euch so leicht nicht verzeihen. Also: das Beste, um sich richtig zu informieren, ist: setzt Euch in Euren motorisierten Untersatz und nichts wie her. . .


Junge und moderne Stadt

Dennoch will ich Eurem Wunsche nachkommen und ein bißchen über unsere tausend Jahre alte, aber doch so junge und moderne Stadt berichten. Es ist ja auch ein guter Anlaß, ein bißchen zu bilanzieren - schließlich ist heute der 21. Jahrestag der Republik. Ich sitze hier im Cafe am Hochhaus und lasse mir einen Mokka munden. Ein schöner Sonnentag ist heute, aber doch schon recht kühl. Am Vormittag hatten wir hier auf dem großen, mit Steinplatten belegten Platz die traditionelle Kundgebung, die früher immer auf dem Markt in der Altstadt stattfand. Mein' Junge war auch mit. Ihr wißt ja, daß er die Sportschule besucht. Jetzt ist er mit seinen Freunden hier gleich nebenan auf dem Sportforum. Das Mädel ist übrigens Lehrerin geworden, was immer ihr Wunsch war. Noch dazu an einer der drei neuen Oberschulen hier in der Chemiearbeiterstadt.

Doch halt, ich wollte Euch ja schildern, wie es jetzt hier aussieht. Ihr werdet es ja noch kennen; wir fuhren damals Immer an den Graebsee zum Baden. Und dieser See ist eigentlich das einzige, was noch an selige Zeiten erinnert. Freilich, er sieht heute viel gepflegter aus - mit Rasenteppichen umsäumt und modernen Parkanlagen. Ich erinnere mich noch recht gut, damals sollte hier ein Campinglager für die Jugend errichtet werden - aber es kam nicht zustande. Dafür steht jetzt direkt an den Ufern ein Hochhaus mit 22 Stockwerken, das "Haus der Chemie", eine Symphonie aus Glas und Beton. Ich muß mich fast zur Erde beugen, um von meinem Platz im Cafe durch die Glaswände das oberste Stockwerk zu erblicken. Von' dort oben hat man vielleicht eine Ausschau!

Anders als von den Hausmannstürmen, die wir mal zusammen bestiegen hatten, um einen Blick auf das damalige Halle zu werfen, Ich weiß nur, daß uns "Turf"-Konsumenten - oder wie die Zigaretten damals hießen - die Lunge ob der 226 Stufen fast zum Halse heraushing. Zu Mittag war ich auf dem Dach des Hochhauses. Mit dem Schnelllift ging es rasend schnell aufwärts. Ich glaube, es war nicht einmal eine Minute. Was sieht das Auge alles von dort oben? In östlicher Richtung der Blick auf die tausendjährige Stadt mit dem Markt und dem Roten Turm, südöstlich das Panorama der Bunawerke und noch weiter die immer noch wie ein Wahrzeichen in die Luft ragen, den Schlote der Leuna-Werke.

Träume aus Beton 

An der 70 Meter hohen Fassade hinunterzuschauen, traut man sich kaum. Der Blick geht die breite Autostraße hinunter, die sich durch den neuen Stadtteil zieht. Ihr wißt ja, die Straße, die von Eisleben kommend, früher in einer Rechtskurve bergab nach Nietleben hineinführte.

Jetzt geht sie von jenem Knick gerade weiter durch die Chemiearbeiterstadt, über die Saale, bis sie am ehemaligen Keglerheim Paradies" auf den Waisenhausring einmündet. Für den, der per Auto oder Autobus in die Stadt will, gibt es keine Schlängelei mehr durch die Mansfelder Straße.

 Aber zurück zum Ausgangspunkt. Links dieser Straße wird zur Zeit noch gebaut, aber rechts bietet sich bietet dem Auge ein herrliches Ensemble fünf-, zehn-, ja sogar 20.-geschossiger Wohnbauten. 15000 Wohnungen wurden hier bis jetzt geschaffen. 11000 allein für Chemiearbeiter. Insgesamt wohnen jetzt. 45000 Menschen hier. Sie haben  von hier aus eine viel bessere Verbindung zu ihren Arbeitsstätten in Buna und Leuna als von der Altstadt.

Nicht wenige von ihnen waren vor Jahren vier und fünf Stunden unterwegs, um an ihren Arbeitsplatz und von dort wieder nach Hause zu kommen. Da blieb wenig Zeit für Qualifizierung oder einen Theaterbesuch. Heute steigen sie hier draußen in die Schnellbahn und in 25 Minuten sind sie in Buna und etwas später vielleicht in Leuna. Für die Motorisierten unter ihnen ist die Schnellstraße nach Schkopau und Leuna übrigens Sechsbahnenverkehr der kürzeste Weg. Das ist einer der großen Vorteile des Aufbaus dieser Stadt: nach allen Richtungen hin gute Verkehrsverbindungen.

In nordwestlicher Richtung saugt sich das Auge dann im Grün der Dölauer Heide fest d. h. zu dieser Jahreszeit bietet sich mir eine Palette bunter. Herbstfarben. Östlich, entlang der Saale, das wunderschöne Auegebiet. Das ist ein weiterer Vorteil: hier herrscht frische Luft, hier reicht der Chemiedunst nicht her. ..

Da oben weht ein ganz schön kühles Lüftchen, und so habe ich mich auch bald wieder verzogen. Hier im Cafe ist es wohltemperiert Fernheizung, von der alle Wohn- und Geschäftshäuser versorgt werden. Nachher wird mich mein Weg zur Bushaltestelle zur Straße hinabführen. Dort unten soll noch ein 'großer kombinierter Baukomplex entstehen: Ladenstraße, Kaufhaus, Hotel u. a. m. Zur gleichen Zeit wird oben am Hochhaus die Mehrzweckhalle gebaut, ich glaube für. 6000 Besucher.

Also, Halle hat jetzt eine alte und eine neue City oder man kann auch sagen, die Altstadt ist zum Vorort geworden. 70 000 Menschen sollen ja hier in der Chemiearbeiterstadt mal insgesamt wohnen. Doch wie gesagt, kommt recht bald und schaut Euch alles mit eigenen Augen an. Aber nach dem alten Stadtplan werdet Ihr Euch nicht mehr zurechtfinden, denn auch in den Euch bekannten Mauern hat sich einiges verändert. Ihr werdet ja von Magdeburg kommen. Haltet Euch links und fahrt  in Richtung Leuna. Die Straße führt am ehemaligen Bahnhof Trotha vorbei, entlang der Halberstädter. Bahn und kommt etwa an der Albert-Richter-Kampfbahn heraus.

Gleich hinter dem einstigen Wasserturm am Platz der Thälmann-Pioniere beginnt dann eine Hochstraße, die am Haus der Einheit vorbei etwa 6 Meter hoch - über den Marx-Engels-Platz in Richtung Thälmannplatz führt. Wollt Ihr In die Stadt, müßt ihr hier abfahren; ansonsten geht es von hier wie auch früher geradewegs zum Thälmannplatz.

Nur daß heute die Straßenbahn unter der Autostraße verkehrt! Mit das Imposanteste das in den letzten Jahren entstand, ist übrigens das Verkehrskreuz der Hochstraße am Thälmannplatz. Die Straße nach Leuna führt gerade über ihn hinweg, vorbei am Hotel "Berlin", das ja bereits 1965 fertig wurde.

Wer in Richtung Chemiearbeiterstadt will, begibt sich von hier aus auf die unter der Hochstraße hinwegführende Ost-West-Achse. Sie führt dann am Stadtkulturhaus vorbei über den Franckeplatz nach Eisleben. Die Klement-Gottwald- Straße ist nur noch Fußgängerboulevard. Sicher werdet ihr auch darüber staunen, wie sich das Bild am ehemaligen Rummelplatz verändert hat: einen schöneren Park haben die mecklenburgischen Gutsbesitzer nicht gehabt!

Und überhaupt: Wißt Ihr noch, wie wir vor zehn Jahren unsere Witze darüber machten, daß Halle ein Dorf mit Straßenbahnen sei? Nebenbei gesagt: die Straßenbahn ist aus dem Kern der Stadt verschwunden, es gibt nur noch Ringverkehr - und das geht wunderbar. Heute läßt sich darüber kaum noch frotzeln, wir werden nämlich wirklich eine Großstadt. Das ist der endgültig letzte Brief bis zum Wiedersehen!


Sonntag, 18. Dezember 2016

Erfindung aus Halle: Abschied von ver­stimm­ten Gitarren



Das Teil, das eine Lösung für ein riesiges, weltweites und jahrhundertealtes Menschheitsproblem bringt, ist winzig. Wie eine Pfeilspitze geformt, flach und mit zwei kleinen Ecken am Ende, so sieht er aus, der String Butler, mit dem der Hallenser Sven Dietrich aufgebrochen ist, eine Frage zu beantworten, die Profi- wie Hobbymusikanten seit dem Mittelalter beschäftigt: Wie lässt sich verhindern, dass sich meine Gitarre unablässig verstimmt?

"Viele Gitarristen kennen das Problem, dass bestimmte Gitarrenmodelle sich während des Spielens immer wieder verstimmen", erzählt Dietrich, der in Halle ein Gitarrencafé betreibt und Gitarrenunterricht gibt. Als Gitarrist - früher etwa bei der Band Ragemachine - suchte er lange nach einer Lösung. Und fand sie mit dem String Butler.

"Etwa ein Jahr habe ich gebraucht, weil sich die Form immer noch etwas verändert hat", erzählt der Hallenser, der seine Erfindung auch in einem Video auf Youtube (oben) vorstellt. Dietrichs Idee ist denkbar einfach wie alle genialen Erfindungen: Der "String Butler" ist ein kleines Teil, das auf der Kopfplatte der Gitarre angebracht wird und die Saiten so umlenkt, dass sie gerade auf die Stimm-Mechaniken zulaufen. Die ersten Prototypen aus der halleschen Metallwerkstatt "Zone Light" bewiesen Dietrich zufolge, dass der String Butler bei vielen Gitarrenmodellen die Krankheit des schnellen Verstimmens heilt.

Die Idee aus Halle erobert inzwischen die Welt. Sven Dietrich hat Kunden nicht nur in Deutschland, sondern auch den USA, Kanada, Neuseeland und Singapur. Grund für ihn, beim Geldsammelportal Kickstarter eine Kampagne zu starten, die helfen soll, eine aus Acryl gefertigte Version des String Butler zu entwickeln. Rund die Hälfte der Finanzierung ist geschafft, knapp zwei Monate sind noch Zeit.

Direkt zum Erfinder geht es hier:
www.string-butler.com

Samstag, 17. Dezember 2016

Zu Besuch beim Vater von Fix und Fax


Sie waren die Antwort der DDR auf die beiden bunten Westfüchse Fix & Foxi, die seit 1953 als Schmuggelware auch in die DDR einsickerten: Fix und Fax waren zwei Mäuse in Ringelpulli und engen Hosen, die den frechen Füchsen aus München das Publikum abspenstig machen sollten.

Erfunden hatte sie der Berliner Grafiker Jürgen Kieser, der sich dazu bei einer Idee bediente, die sein Thüringer Kollege Fritz Koch-Gotha schon 1935 unter dem Titel „Fix und Fax: Eine lustige Mäusegeschichte“ veröffentlicht hatte. Dem Erfolg von Kiesers Mäusen bei den Kindern der DDR tat das keinen Abbruch.

In der Comiczeitschrift „Atze“ waren Fix und Fax die unumstrittenen Stars. Kein Wunder, denn obwohl auch die beiden Mäuse ihren Teil zur sozialistischen Erziehung der Jugend beitragen mussten, indem sie etwa mit Regulierstab und Feuerwehrhelm für Ordnung und Sicherheit warben, waren ihre zumeist dreiseitigen Abenteuer im Alltag, in der Steinzeit oder auf der Spur gefährlicher Diebe doch immer ein Quell des Vergnügens.

Kieser, am 20. August 1921 in Erkner bei Berlin geboren, hatte im Krieg bei der Luftwaffe gedient, war dann Landarbeiter in Westdeutschland gewesen und schließlich als Dekorationszeichner und Dekorateur bei der Handelskette HO gelandet. Anfang der 50er Jahre wechselte er als Pressezeichner zum Verlag Junge Welt und begann, für die Pionierzeitung „Trommel“, das bunte Kindermagazin „Frösi“ und die beliebte „Wochenpost“ zu zeichnen. Dem Comicheft „Atze“ spendierte er mit der Titelfigur auch den Namen, doch gelesen wurde die rund 550 000 mal verkaufte Zeitschrift weniger wegen der pädagogisch wertvollen Bildstrecken über die Oktoberrevolution als vielmehr wegen Kiesers Mäuse-Storys.

Die zeichnete der Mann, der inzwischen 95 Jahre alt ist, bis 1987 selbst. Dann übernahm sein Kollege Eugen Gliege, der bis 1991 für Nachschub sorgte. Seit der „Atze“ eingestellt wurde, sind die „lustigen Mäuseabenteuer“ (Untertitel) in zahlreichen Sammelbänden neu aufgelegt worden.


Freitag, 16. Dezember 2016

Stuart Adamson: In Feldern aus Feuer

Kurz vor Schluss war er noch einmal richtig glücklich. Stuart Adamson und seine Bandkollegen lagen sich in den Armen, das Publikum feierte sie begeistert, und immer wieder mussten sie die Gitarren umlegen und weiterspielen. Stuart Adamson, Kopf der schottischen Rockband Big Country, sang wie in besten Tagen: "Peace in our time", "Look away" und "Fields of fire". Die Fans im Leipziger "Anker" tobten, Adamson fand kaum Worte. "Als ob ich nach Hause komme", sagte er, etwas fülliger um die Hüften als früher, aber topfit, "und kein Platz auf der Welt ist wie zu Hause".


Gestorben aber ist der Mann aus Dunfermline eine halbe Welt weit weg von daheim. Sechs Wochen schon suchte die Polizei den 43-Jährigen, der sein Haus in Nashville am 7. November 2001 verlassen hatte, um "Sonntagmittag wieder da" zu sein, wie er seinem Sohn schrieb. Doch seit dem 15. November, an dem er in Atlanta gesehen wurde, fehlte dann jede Spur von dem charismatischen Gitarristen. Bis zum Sonntag: Da fanden die Ermittler den Kultstar, der mit seiner Band über zehn Millionen Platten verkaufte, im Plaza-Hotel auf Hawaii. Adamson, seit vielen Jahren alkoholabhängig und zuletzt im Oktober angetrunken im Auto erwischt, hatte sich erhängt.

Ein stiller Schlussakkord im Leben eines Künstlers, der in den 80ern mit Rockhymnen wie "The Storm" und seinem typischen Dudelsack-Gitarrensound Triumphe feierte. Big Country, dank sozial engagierter Alben wie "Steeltown" zur moralischen Rock-Fraktion gerechnet, waren die erste West-Rockband, die ein Konzert in Moskau gab. Sie kämpften gegen den Nato-Doppelbeschluss, traten bei Live-Aid auf und spendeten für Greenpeace.

Wenig später lud dann auch die DDR-Jugendorganisation FDJ die Schottenrocker ein. Ihr Konzert in Weißensee, zu dem rund 180 000 Menschen pilgerten, sollte das größte Rockereignis bleiben, das der Arbeiter- und Bauernstaat erlebte. Den Osten Deutschlands hat Adamson aber nicht nur deshalb besonders geliebt. "Hier erinnert mich vieles an Schottland", beschrieb er beim letzten Konzert der BC-Abschiedstour in Leipzig. Adamson war da schon Pub-Besitzer im Country-Mekka Nashville geworden, wo er Songs mit Kumpel Ray Davis (Kinks) schreiben und nebenher in der Spaßcombo The Raphaels spielen wollte. Er lebte jetzt den Traum, den das letzte Big-Country-Album im Titel beschrieb: "Driving To Damaskus", fort vom falschen Glitzer der Popwelt, von Ruhm und Versuchung.

Big Country sollte es nur noch einmal geben, auf einem Live-Album, das die Band auch in Leipzig mitgeschnitten hatte. Die CD endet mit der Bitte "Stay alive!" (Bleibt am Leben), mit der sich Stuart Adamson jedes Mal von seinem Publikum verabschiedet hat.

Big Country gibt es immer noch. Oder besser wieder. nach Mike Peters von The Alarm, der damals in Leipzig im Vorprogramm spielte, singt heute Simon Hough.

Er klingt wie Adamson. Ist es aber leider nicht. Das Original fehlt.



Sonntag, 11. Dezember 2016

Armenien: Kreuze, Gipfel, große Herzen

Das älteste christliche Land der Welt ist heute ein noch fast völlig unentdecktes Trekking-Paradies voller menschenleerer Hochebenen, uralter Klöster und freundlicher Menschen.

Der Weg ist schmal, für das ungeübte Auge fast unsichtbar. Er schlängelt sich um den Berg und durchs Gras, ist aber für Bergführer Ayrik eine Autobahn, die der Mann mit dem weißen Bart stoisch entlanggeht. Schritt für Schritt nach oben, wo der Mt. Khustup aus den Wolken lugt.

Gerademal 3 206 Meter sind es bis hinauf. Doch für die Trekking-Gruppe, die am Tag zuvor auf nur 900 Meter Höhe gestartet ist, wirkt der steile Felsen wie der Gipfel der Welt. Von oben bietet sich ein majestätischer Blick auf die Meghri-Berge im Süden. Im Osten liegt das von Aserbaidschan und Armenien beanspruchte Berg-Karabach. Südlich der Iran. Und im Westen Nachitschewan, das zu Aserbaidschan gehört, aber keine Landverbindung ins Mutterland besitzt.

Zwei Wochen zu Fuß

Geschichte ringsherum, überstrahlt von einer zur Mittagsstunde vom Himmel glühenden Sonne. Armenien, eingeklemmt zwischen Georgien, der Türkei, dem Iran und Aserbaidschan, ist als ältestes christliches Land der Welt bekannt, als Trekking-Paradies aber völlig unentdeckt. Wer zwei Wochen zu Fuß unterwegs ist zwischen Kapan im Süden, Tashir im Norden, Gjumri im Westen und dem vernebelten Goris gleich an der Grenze zu Berg-Karabach, hat die Garantie, höchstens zwei, drei anderen Wanderern zu begegnen. Endlos und menschenleer erstrecken sich die Hochebenen des Geghama-Gebirges vor dem Horizont.



Ab und zu bellt ein Hund, dann taucht ein Zeltlager von Jesiden auf, die den Sommer mit ihren Herden hier oben verbringen. In uralten Zil-Lkws rumpeln die Hirten über unwegsame Pfade. Gäste bekommen Kaffee kredenzt und Lebensgeschichten erzählt. Prärie und Felstäler wechseln sich ab. Dazwischen liegen spiegelklare Bergseen in flachen Tälern und schwarze Felsen voll rätselhafter Steinzeichnungen. Diese Ughtasar genannten Tier- und Menschendarstellungen sind 12 000 Jahre alt und bis heute unentschlüsselt.

Der Berg Ararat, auf dem der Legende nach einst die Arche Noah strandete, grüßt im Schneekleid von fern. Ein Bild, das Reiseführer Samvel Hovhannisyan bei jedem Blick weh tut. Besser noch als andere Armenier kennt der studierte Historiker die leidvolle Geschichte seines Landes, das einst vom Kaspischen bis zum Mittelmeer reichte. "80 Prozent dessen, was einmal Armenien war, haben wir verloren", sagt der 52-Jährige.


Auch den Ararat, der jedem Armenier heilig ist. Doch mit dem Völkermord vor hundert Jahren, der 1,5 Millionen Armenier das Leben kostete, flüchteten die Überlebenden vom Gebiet der heutigen Türkei, die den Berg seitdem für sich reklamiert.

Gegen seine Darstellung im Wappen der Armenischen Sowjetrepublik protestierte Ankara einst mit dem Hinweis, dass der Berg auf türkischem Territorium liege und sein Bild deshalb nicht von Armenien genutzt werden dürfe. Der damalige sowjetische Außenminister Tschitscherin nahm es gelassen. Die Türkei zeige schließlich eine Mondsichel in ihrer Flagge, sagte er. Dabei liege der Mond auch nicht in der Türkei.

Heute reden sie gar nicht mehr miteinander, die Türken und die Armenier. Die Grenze zwischen beiden Ländern ist der letzte Rest des Eisernen Vorhangs, gut zu sehen vom Kloster Khor Virap, in dem der Glaubensbegründer Gregor einst in einem Erdloch gefangen gehalten wurde, weil er dem Christentum nicht abschwören wollte. Nach 13 Jahren vom schwer erkrankten König befreit, heilte Gregor den Herrscher. Und der verordnete Armenien im Jahr 301 das Christentum als Staatsreligion.



Spuren der langen christlichen Geschichte seitdem finden sich überall am Weg. Malerische Klöster wie in Tatev und Noravank thronen auf Bergspitzen, schlichte Bauten ohne Pomp und Zierrat, dafür aber älter als alles, was es an Kirchen in Europa gibt. Dazwischen liegen die Felshöhlen von Goris, in denen früher die ganze Stadt lebte. Und bei Noratus wartet ein endloses Gräberfeld voller "Khachkars" genannter Kreuzsteine, detailreich mit Bildern verzierte Grabsteine, denen orangefarbene Flechten eine überirdische Schönheit verleihen.



Alte Steine, alte Damen


Die alten Damen, die mit selbstgestrickten Socken davor auf Touristen warten, sind dann wieder ganz von dieser Welt. Sofya ist über 70 und wie viele Alte hier zurückgeblieben, wo das wohlhabende Armenien Sommerferien macht. Die Jungen gehen, die Alten bleiben, sagt sie. Sie bleiben mit 70 Euro Rente, ihren Stricknadeln und drei Brocken Russisch, Englisch und Deutsch, mit denen sie die Bilder auf den Steinen samt der drumherumliegenden Weltgeschichte erklären können. Smatri. Babuschka. Mongol. Schwert! Kaputt. 


Das ganze Drama eines liebenswerten Landes in fünf Worten.




Anreise: Air Berlin, Aeroflot und Ukrainian fliegen von Berlin und Frankfurt über Moskau oder Kiew für 350 Euro nach Jerewan. Beste Reisezeit ist von Juni bis Oktober.
Währung: Ein Euro entspricht 500 armenischen Dram. Ein großes Bier kostet in der Gaststätte etwa 500 Dram, ein Abendessen 5 000.


Wanderstrecken: Mit normaler Fitness sind Aufstiege und Wegstrecken für jeden zu bewältigen. Bei einer geführten Gruppenreise transportiert ein Jeep persönliches Hauptgepäck, Verpflegung und Zelte in die abendlichen Zeltlager.


Veranstalter: Der deutsche Wanderreisen-Spezialist Hauser Exkursionen bietet Trekking in Armenien als 16-tägige Gruppenreise für rund 2 350 Euro an (inklusive Flug). Getragen wird nur das Tagesgepäck. Die Unterbringung erfolgt an sieben Tagen im Hochgebirge in Zwei-Mann-Zelten, in der übrigen Zeit in Hotels und Pensionen in Jerewan, der südlich gelegenen Stadt Goris und am Ufer des malerischen Sevan-See auf fast 2 000 Meter Höhe. Verpflegung morgens und abends ist inklusive, ebenso die Transfers, Koch, Küchenhelfer, Reiseleiter und Bergführer.

Tourtagebuch: www.bit.ly/armenientrek